"Der hier vorliegende Bericht beinhaltet die Angaben zu wolfsverursachten Nutztierschäden in Deutschland im Jahr 2025 sowie zu den in diesem Zeitraum in den einzelnen Bundesländern geltenden Regelungen für Präventions- und Ausgleichzahlungen." (Seite 3)
Erfreulich ist, dass sowohl die Zahl der Wolfsübergriffe als auch die Zahl der geschädigten Nutztiere gegenüber dem Vorjahr gesunken ist. Die entscheidende Aussage findet sich jedoch in diesen Sätzen auf Seite 2:
"Die Zahlen über die wolfsverursachten Nutztierschäden in Deutschland und in den Bundesländern geben keinen Aufschluss darüber, ob und in welchem Umfang die Tiere zum Zeitpunkt des Übergriffs geschützt waren. In manchen Bundesländern werden auch Zaunsysteme als Mindestschutz anerkannt, die von Wölfen leicht überwunden werden können, zum Beispiel nicht elektrifizierte Festzäune. In denjenigen Bundesländern, die zu den Übergriffen auch Angaben zum Herdenschutz und eventuelle Beeinträchtigungen des Schutzes veröffentlichen, war bei knapp der Hälfte, bis deutlich über drei Viertel der Übergriffe auf Schafe und Ziegen kein bzw. nur ein eingeschränkter Mindestschutz vorhanden."
Was sagen die veröffentlichten Risszahlen tatsächlich über Herdenschutz aus? Genau hier liegt eines der größten Defizite der von den Bundesländern veröffentlichten Daten:
Aus den bloßen Zahlen zu Wolfsübergriffen und geschädigten Nutztieren lässt sich überhaupt nicht erkennen, ob zum Zeitpunkt des Übergriffs ein tatsächlich wirksamer, fachlich empfohlener Herdenschutz vorhanden war und ob dieser vom Wolf überwunden wurde.
Warum wird das nicht systematisch erfasst und veröffentlicht?
Wenn überhaupt Angaben zum Herdenschutz gemacht werden, beschränken sich diese häufig auf den sogenannten „Mindestschutz“. Was darunter verstanden wird, legen die Bundesländer unterschiedlich fest. Dieser Mindestschutz beschreibt jedoch nicht zwingend einen fachlich wirksamen, wolfsabweisenden Herdenschutz, sondern dient vielfach vor allem als Voraussetzung dafür, ob nach einem Riss eine Entschädigungszahlung gewährt werden kann. Dass selbst nicht elektrifizierte Festzäune teilweise als Mindestschutz anerkannt werden, obwohl Wölfe solche Zäune vergleichsweise leicht überwinden können, zeigt das Problem besonders deutlich.
Damit bleibt die entscheidende Frage unbeantwortet: Wie viele Nutztierrisse fanden tatsächlich an Tierhaltungen statt, die nach den fachlichen Empfehlungen des Bundesamtes für Naturschutz wirksam gegen Wolfsübergriffe geschützt waren? Und wie oft wurde ein solcher fachgerecht installierter und funktionsfähiger Herdenschutz tatsächlich überwunden?
Gerade diese Zahlen wären für eine sachliche Bewertung des Konflikts entscheidend. Stattdessen entsteht durch die bloße Veröffentlichung von Risszahlen der Eindruck, Wolfsübergriffe seien trotz Herdenschutz unvermeidbar und Herdenschutz funktioniere grundsätzlich nicht. Damit stellt sich zwangsläufig die Frage: Soll der Öffentlichkeit auf diese Weise vermittelt werden, dass Herdenschutz wirkungslos sei und deshalb Wölfe pauschal bejagt und abgeschossen werden müssten?
Eine transparente Datenerhebung und Veröffentlichung müsste bei jedem Rissereignis mindestens ausweisen:
* welcher Herdenschutz vorhanden war,
* ob dieser den fachlich empfohlenen Standards entsprach,
* ob er ordnungsgemäß aufgebaut und funktionsfähig war,
* ob und auf welche Weise der Wolf ihn überwunden hat,
* welche Mängel festgestellt wurden und
* welche zusätzlichen Schutzmaßnahmen möglich gewesen wären.
Erst eine solche Datengrundlage würde eine wissenschaftlich belastbare Aussage darüber erlauben, ob wirksamer Herdenschutz versagt hat oder ob überhaupt kein ausreichender Herdenschutz vorhanden war. Besonders aufschlussreich ist deshalb die Feststellung, dass in den Bundesländern, die nähere Angaben veröffentlichen, bei knapp der Hälfte bis deutlich über drei Vierteln der Übergriffe auf Schafe und Ziegen kein oder nur eingeschränkter Mindestschutz vorhanden war. Das spricht gerade nicht gegen Herdenschutz. Es zeigt vielmehr, dass ein erheblicher Teil der Übergriffe dort stattfindet, wo bereits der minimale Schutz fehlt oder mangelhaft ist.
Nach mehr als zwanzig Jahren seit der Rückkehr des Wolfes nach Deutschland stellt sich deshalb auch die Frage: Warum existiert noch immer kein flächendeckend konsequent umgesetzter, fachlich wirksamer Herdenschutz? Eine öffentliche und bundesweit einheitliche Auswertung des tatsächlich vorhandenen Herdenschutzes würde dieses seit Jahren bestehende Defizit erstmals transparent machen. Nach Einschätzung von Nonna Lupa beruht dieses Defizit längst nicht mehr allein auf technischen oder finanziellen Schwierigkeiten, sondern teilweise auch auf einer bewussten Verweigerung wirksamer Schutzmaßnahmen. Werden lediglich Wolfsrisse gezählt, aber nicht erfasst, ob die Tiere überhaupt wirksam geschützt waren, wird keine belastbare Datengrundlage für das Wolfsmanagement erzeugt. Es werden Zahlen produziert, aus denen politisch nahezu jede gewünschte Schlussfolgerung gezogen werden kann.