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Wölfe können zur Eindämmung der Afrikanischen Schweinepest beitragen, indem sie infizierte Wildschweine und insbesondere infektiöse Kadaver beziehungsweise Kadaverreste aus der Umwelt entfernen. Feldstudien sprechen zugleich dagegen, dass Wölfe das ASP-Virus über ihren Verdauungstrakt oder durch ihre weiträumigen Wanderungen in relevantem Umfang verbreiten. Ein populationsbezogener Nachweis, dass Wölfe den erstmaligen Ausbruch oder die weitere Ausbreitung der ASP allein verhindern können, steht bislang jedoch aus.
Ergebnis der Literaturrecherche
Die Studienlage spricht dafür, dass Wölfe die lokale Persistenz und Weiterverbreitung der Afrikanischen Schweinepest bei Wildschweinen begrenzen können – vor allem, indem sie infizierte Kadaver fressen. Wissenschaftlich nicht belegt ist dagegen die weitergehende Behauptung, Wölfe könnten den erstmaligen Ausbruch der ASP in einer bislang seuchenfreien Region zuverlässig verhindern.
1. Direkte Untersuchung: Wölfe beseitigen infektiöse Kadaver
Szewczyk et al. 2021: „Evaluation of the Presence of ASFV in Wolf Feces Collected from Areas in Poland with ASFV Persistence“
Dies ist die wichtigste unmittelbar einschlägige Studie. Untersucht wurden 62 Wolfslosungen aus Polen. Darunter befanden sich 20 Proben mit nachgewiesenen Wildschweinresten; 13 davon stammten aus der Nähe von Stellen, an denen besenderte Wölfe Wildschweinkadaver gefressen hatten. Acht von neun untersuchten Kadavern waren ASPV-positiv. Dennoch wurde in keiner Wolfslosung ASPV-DNA nachgewiesen. (MDPI)
Die Autoren folgern daraus:
- Das Virus beziehungsweise dessen genetisches Material übersteht die Passage durch den Verdauungstrakt des Wolfes wahrscheinlich nicht.
- Wölfe sind als Fernverbreiter der ASP sehr unwahrscheinlich.
- Durch den Verzehr infizierter Wildschweinkadaver können sie infektiöses Material aus der Umwelt entfernen.
- Die Kadaver wurden teilweise bis auf Knochen und Hautreste aufgezehrt.
Da infizierte Kadaver ein wichtiger Bestandteil des sogenannten Wildschwein–Kadaver–Umwelt-Zyklus sind, bewerten die Autoren das Aasfressen durch Wölfe ausdrücklich als einen Faktor, der das Übertragungsrisiko vermindern kann. (MDPI)
Einschränkung: Untersucht wurde ASPV-DNA, nicht unmittelbar die Infektiosität eventuell verbliebener Viruspartikel. Außerdem beruht der besonders aussagekräftige Teil der Untersuchung nur auf zwei besenderten Wölfen und neun untersuchten Kadavern.
2. Wölfe als Fernverbreiter des Virus?
Marucco et al. 2022: „Wolf Dispersal Patterns in the Italian Alps and Implications for Wildlife Diseases Spreading“
Diese Studie untersuchte die weiträumigen Wanderungen von Wölfen und die Behauptung, wandernde Wölfe könnten das ASP-Virus über große Entfernungen verbreiten.
Die Autoren halten eine solche Fernverbreitung für unwahrscheinlich:
- Die mittlere Abwanderungsdistanz der untersuchten Wölfe lag bei rund 66 Kilometern und damit deutlich über der typischen jährlichen Geschwindigkeit der räumlichen ASP-Ausbreitung.
- In den Losungen von Wölfen, die ASP-positive Wildschweine gefressen hatten, war keine Virus-DNA nachweisbar.
- Eine längerfristige mechanische Verschleppung durch Blut am Fell sei wegen des Putzverhaltens ebenfalls wenig wahrscheinlich.
Das theoretische Restrisiko einer mechanischen Verschleppung werde nach Auffassung der Autoren durch die effiziente Beseitigung infizierter Kadaver und Kadaverreste deutlich überwogen. (MDPI)
3. Allgemeine Untersuchung zur Rolle von Aasfressern
Probst et al. 2019: „The Potential Role of Scavengers in Spreading African Swine Fever among Wild Boar“
In dieser deutschen Feldstudie wurden 32 Wildschweinkadaver mit Kamerafallen überwacht. Wölfe kamen im Untersuchungsgebiet nicht vor; untersucht wurden vor allem Marderhunde, Füchse, Greifvögel und Rabenvögel.
Die Studie ist dennoch für den Wirkmechanismus bedeutsam:
- Aasfresser transportierten gelegentlich kleine Fleischstücke fort.
- Das hierdurch verursachte Verbreitungsrisiko wurde insgesamt als gering eingestuft.
- Zugleich reduzierten Aasfresser durch den Verzehr der Kadaver die Dauer, während der infektiöses Material in der Umwelt vorhanden war.
Die Autoren sprechen deshalb von einem geringen Ausbreitungsrisiko, aber einem möglichen Beitrag zur Verringerung der lokalen Viruspersistenz. (Nature)
Für Wölfe könnte dieser Effekt aufgrund ihrer höheren täglichen Nahrungsaufnahme größer sein als bei kleineren Aasfressern. Das ist jedoch eine plausible Extrapolation und kein Ergebnis dieser konkreten Studie.
4. Möglicher Effekt der Prädation auf infizierte Wildschweine
Guimarães et al. 2023: „The Role of Wolf Predation on Wild Boar to Control African Swine Fever“
Diese Untersuchung aus der Slowakei ist bislang nur als Konferenzbeitrag und nicht als vollständig begutachteter Fachartikel veröffentlicht.
Verwendet wurden:
- 321 Wolfslosungen zur Untersuchung der Nahrung,
- rund 1.300 Wolfsnachweise zur Modellierung des räumlichen Prädationsrisikos,
- mehr als 4.000 ASP-Fälle bei Wildschweinen.
Je nach Untersuchungsgebiet enthielten 8,7 bis 47,9 Prozent der Wolfslosungen Wildschweinreste. Die Forscher modellierten anschließend, ob Gebiete mit höherem Wolfs- beziehungsweise Prädationsrisiko eine geringere Wahrscheinlichkeit ASP-positiver Wildschweinfunde aufwiesen. Sie bewerteten Wölfe im Ergebnis als mögliche natürliche „disease control agents“, also als Bestandteil einer natürlichen Seuchenregulation. (ResearchGate)
Wichtige Einschränkung: Im veröffentlichten Abstract fehlen konkrete Effektgrößen, Konfidenzintervalle und vollständige Modellergebnisse. Die Aussage ist daher wissenschaftlich interessant, aber noch nicht so belastbar wie eine vollständig publizierte, peer-reviewte Studie.
5. Fressen Wölfe überhaupt genügend Wildschweine?
Guimarães et al. 2022: „What Drives Wolf Preference Towards Wild Ungulates?“
Die peer-reviewte Untersuchung aus den slowakischen Karpaten zeigt, dass Wölfe Wildschweine nicht lediglich zufällig fressen. In bestimmten Landschaften wählten sie Wildschweine im Verhältnis zu deren Verfügbarkeit sogar bevorzugt aus. Die Auswahl hing unter anderem von Höhenlage, Topografie, Schneeverhältnissen und der Verletzlichkeit der Beutetiere ab. (PLOS)
Das stützt den Mechanismus, wonach Wölfe:
- die Wildschweindichte lokal beeinflussen,
- kranke oder geschwächte Tiere möglicherweise leichter erbeuten,
- und infizierte Kadaver beseitigen können.
Die Studie untersuchte aber keine ASP-Übertragungsraten. Sie ist daher ein ökologischer Baustein, kein direkter Nachweis einer Seuchenkontrolle.
6. Gegenläufiger Mechanismus: Verlagerung von Kadaverteilen
Rietz et al. 2024: „Scavenger-Induced Scattering of Wild Boar Carcasses over Large Distances“
Diese Studie zeigt, dass Aasfresser Kadaverteile auch verlagern können. In 75 Prozent der untersuchten Fälle wurden Teile mehr als 400 Meter weit transportiert; die größte gemessene Entfernung betrug 1,2 Kilometer. Hauptverursacher waren Füchse. (ScienceDirect)
Das bedeutet:
Kadaverfresser können infektiöse Biomasse einerseits beseitigen, andererseits kleinere Teile lokal verteilen.
Für Wölfe wurde in dieser Studie kein eigenständiger Risikoanteil nachgewiesen. Die polnische Wolfsstudie spricht zudem gegen eine relevante Fernverbreitung durch Wolfslosung oder kontaminiertes Fell.
Wissenschaftliche Gesamtbewertung
| Fragestellung | Stand der Evidenz |
|---|---|
| Entfernen Wölfe ASP-infizierte Kadaver? | Ja, direkt beobachtet |
| Übersteht ASPV den Verdauungstrakt des Wolfes? | Nach bisheriger Felduntersuchung wahrscheinlich nicht |
| Verbreiten Wölfe ASP über große Entfernungen? | Sehr unwahrscheinlich |
| Können Wölfe die lokale Viruspersistenz verringern? | Plausibel und durch Feldbefunde gestützt |
| Töten Wölfe bevorzugt ASP-kranke Wildschweine? | Plausibel, aber noch nicht unmittelbar belegt |
| Verhindern Wölfe nachweislich den erstmaligen Ausbruch? | Nein, dafür fehlt bisher ein belastbarer Nachweis |
| Können sie die Ausbreitung vollständig stoppen? | Nicht belegt |
Der wichtigste positive Effekt liegt demnach nicht primär in einer allgemeinen Bestandsreduktion, sondern in der Unterbrechung des Kadaverzyklus. Das ist epidemiologisch relevant, weil ASPV in Blut, Fleisch und Kadavern über lange Zeit infektiös bleiben kann und die sichere Kadaverbeseitigung zu den wichtigsten Bekämpfungsmaßnahmen gehört.